Frau Rüegsegger

Am 12.April 2007 durfte ich als Gast bei der sehr sympathischen, 91 jährigen Frau Rüegsegger viele interessante Geschichten über ihr langes Leben erfahren - Lustiges und Nachdenkliches...

Ein paar Zitate aus der dabei entstandenen Videoaufnahme:

Frau Rüegsegger, wenn ich heute in eingeweihten Kreisen, oder bei älteren Leuten "Rüedi-Rüegsegger" erwähne, bekomme ich meistens anerkennende Worte zu hören über das Jodelduett. Dies ist doch der Beweis, dass die beiden, respektive drei, Künstler noch nicht vergessen sind. Merken Sie selber noch etwas davon?

Nein, ich höre praktisch nichts mehr. Seit der goldenen Schallplatte 1982 hat das Interesse abgenommen und heute "fragt mer niemmer meh öppis dernah; d Zyte hei sech halt veränderet"...

In dem kleinen, aber heimeligen Wohnzimmer hängt diese Goldene Schallplatte an der Wand. Ich deute darauf und frage, ob es denn nicht ein komisches Gefühl sei, diese ihr nahe gestandenen Leute heute wieder auf der CD singen zu hören.

I lose di Lieder eigentlich nie, das macht mer z'vil Müeh...

Man hört natürlich auch viele "Müschterli" über die Drei - sind Ihnen auch welche bekannt?

Da gäbe es schon das Eine oder Andere zu berichten (schmunzel), etwa das wo dem Rüedi Ernst während dem Singen das Gebiss aus dem Mund fiel...

Ich komme in den Genuss, ein paar amüsante Gschichtleni zu hören. Darunter auch das mit dem falsch anstimmen (s.CD), oder mit dem falschen Zug (Richtung Zürich) nach einer gelungenen Schallplattenaufnahme in Basel.

"Als ich einmal einem Jodler von Rüedi-Rüegsegger vorschwärmte, putzte dieser mich ab und meinte, solches braves Gesülze sei längst Schnee von Gestern - ausserdem hätten die Beiden gar nicht singen können...  Was sagen Sie dazu?"

Ja mitüüri - di hei allwäg nid chönne singe! Wär seit settige Blödsinn? Si hei ja gäng bi üüs deheime probet...

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Zwischenbemerkung: Ich denke, die Lieder hatten schon ihre Berechtigung. Man bedenke, dass diese Generation den Krieg erlebt hat und da war das Bedürfnis, dem einen oder anderen "Müeti" einmal DANKE zu sagen für alles was es während der Kriegsabwesenheit des Vaters geleistet hat, ganz bestimmt vorhanden. Auch die schönen Dinge wie Alperose und Silberbächli,  durfte und darf man in dieser Weise besingen - es gab ja genug Schlimmes zu sehen in den Zeitungen, welche vom Elend in anderen Ländern berichteten. Dass bei uns nach wie vor alles blühte, ist gar nicht so selbstverständlich .Warum sollte man also seine Gefühle nicht in Form von (vielleicht etwas sentimentalen) Liedern ausdrücken? Für mich ist einer, der solche Äusserungen von sich gibt, nichts anderes als ein neidischer Laferi! wb

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Man erzählte sich auch viele Geschichten hinter vorgehaltener Hand. <Die hätten sehr gerne etwas über den Durst getrunken>, oder <die hätten sogar untereinander die Frauen getauscht>. Jeder wollte ein wenig mehr "im Bilde" sein über diese damals prominenten (und das waren sie durchaus) Leute. Was sagen Sie dazu?

Die haben ganz bestimmt nicht mehr getrunken als alle anderen normalen Leute. Hingegen das Gerede mit dem <Frauen tauschen> ist mir bekannt.

Ich habe damals sogar selber ein Gespräch, welches am Nachbartisch eines Tearooms in dem ich mich zufälligerweise aufhielt, mitbekommen. Nach einer Weile stellte ich mich der Runde vor und berichtigte:  <So wie das da erzählt wird, war es bei weitem nicht: Tatsächlich war ich zuerst die Frau von Walter Hofer. Er als Schneidermeister und ich als Damenschneiderin kamen bald einmal auf die Idee, ein eigenes Schneider-Atelier zu eröffnen. Obschon dies gut lief, war es für unsere Ehe nicht von Vorteil. Wir waren den ganzen Tag zusammen und lebten uns wohl dadurch immer mehr auseinander. Eines Tages ist auch noch eine andere Frau in unser Leben getreten die alles auf eine Karte setzte um uns zu trennen. Ich schaute eine Zeit lang zu in der Meinung, dass sich dies schon wieder einpendeln und alles wieder gut würde. Aber es sollte nicht sein, die Sache eskalierte und schliesslich haben wir uns dann für die Scheidung entschlossen. Damals war ich mit den Nerven wirklich am Ende! Nach einiger Zeit kamen halt, wie das Leben manchmal so spielt,  der damals ungebundene Hans Rüegsegger und ich zusammen und heirateten schliesslich...>

Der Sohn wuchs bei mir und Hans auf. Durch das Jodelduett blieben wir natürlich mit Walter Hofer vielleicht etwas mehr in Kontakt, als dies normalerweise bei geschiedenen Leuten üblich ist - und dann kommt wohl die Phantasie der Leute ins Spiel...

Wir trennten uns ja schlussendlich nicht im Krach und hatten immer ein angenehmes Verhältnis untereinander - Walter war ein lieber Mann und hat sich immer sehr gut um seinen Sohn gekümmert; das darf auch mal gesagt werden!

Haben Sie eigentlich damals, als sie noch mit Walter Hofer verheiratet waren, seine Tätigkeit als Komponist und Texter mitbekommen; ich meine, hat er die Texte und Melodien vielleicht mit Ihnen besprochen?

Nein, eigentlich nicht; Walter machte das alles im Stillen. Die Texte und Melodien kamen ihm oft während des Arbeitens im Atelier in den Sinn - plötzlich schrieb er wieder etwas auf... Er präsentierte mir dann meistens das fertige Lied.

Die Texte sind ja so real als hätte Herr Hofer so Geschichten wie etwa die vom "Mälcher u d Chöchi", selber miterlebt als Bub. Ich nehme an, er wuchs an einem entsprechenden Ort auf?

Nein, nein keineswegs...! Er wuchs in der Felsenau in Bern auf - also ein waschechter Berner.

!!? Das erstaunt mich jetzt aber wirklich; solche "Fachausdrücke" wie sie in den Liedern vorkommen, sind ja nicht gerade Städtisch - so wenig wie der Innhalt der Geschichten (Lieder).

Walter hat sehr viel gelesen, ausserdem war er ja zuvor selber Mitglied eines Jodlerklubs und in den Jodelliedern wird halt oft das Leben auf dem Lande und in den Bergen beschrieben. Er hatte eben die Begabung, sich dies bildlich vorzustellen.

War da überhaupt etwas zu verdienen mit diesen Liedern?

Ja, als Komponist und Texter sprang natürlich für ihn schon etwas ab, aber reich wurde er dabei nicht. Hingegen die Auftritte waren eher bescheiden honoriert;  20.- Franken für Jeden pro Auftritt + Verpflegung und die Reisespesen.

Begleiteten Sie und die anderen Ehefrauen, ihre Männer zu den Auftritten?

Am Anfang schon, da gingen wir oft alle zusammen hin. Aber dann wurde es soviel, dass die Männer kaum mehr zuhause waren. Da hiess es mit der Zeit nur noch: "Morgen sind wir da, übermorgen dort..." Das war für uns Frauen eigentlich nicht so eine schöne Zeit. Aber immerhin, manchmal gaben sie uns ihre halbe Gage - damit wir daheim bleiben (zwinker).

(grins) ..verstehe...

Ach wissen Sie, denen liefen ja die Frauen damals regelrecht nach und da war es sowieso besser, wenn wir nicht immer dabei waren... Aber im Ernst: Für das Familienleben war die damalige Zeit sicher nicht das Beste - es kam schon ein wenig zu kurz.

Was ich noch fragen wollte: Was war denn eigentlich nach 1965, als die Drei nicht mehr auftraten?

Herr Hofer dirigierte weiterhin verschiedene Jodlerklubs und machte noch für kurze Zeit bei einer 3-Mannkapelle als Handörgeler mit. Mein Mann dirigierte ebenfalls diverse Jodlerklubs: 26 Jahre lang Lanzenhäusern, Waldruh Bümpliz, Boltigen, Därstetten, Schützenchörli Schmitten und zuletzt Könizberg. Ich ging oft mit, um ihn bei seiner Tätigkeit mit dem Klavier zu unterstützen; selber spielte Hans ja kein Instrument. Das heisst, er konnte zwar ein wenig Handorgel spielen, aber eben zu diesem Zweck nicht gut genug. In seiner Freizeit ging er gerne auf die Jagd. Herr Rüedi, der lange bei der Bahn arbeitete gründete nach dem Tod seiner Eltern, auf dem ehemaligen Bureheimet eine eigene Firma - irgend etwas mit Eiern, weiss nicht mehr genau... Jedenfalls gab er dies wieder auf und arbeitete danach in einer Fabrik in Gümligen. 1971 ist er als 59jähriger gestorben.

Ich merke von Wort zu Wort mehr, dass "Rüedi-Rüegsegger" keineswegs "Wesen aus einer anderen Welt" waren, wie ich es als kleiner Bub meinte... Nein - es waren ganz normale Menschen mit allen dazugehörenden Stärken und Schwächen. Leute, die im Alltag auch nicht von allergattig menschlichen Problemen verschont blieben. Aber halt eben doch Leute mit ganz besonderen Fähigkeiten und Talenten die sie ausserdem verstanden, unters Volk zu bringen. Wenn ich Rüedi-Rüegsegger die Lieder von Walter Hofer singen höre, spüre ich auch heute noch ein ganz eigenartiges Kribbeln - so gesehen bleiben sie für mich nach wie vor ein wenig "Wesen aus einer anderen (heilen) Welt" - ein Phänomen!

April 2007 WB

Interessanter Nachtrag am 27.4.07: Soeben konnte ich den Sohn von Ernst Rüedi ausfindig machen und mit ihm telefonieren. Es wäre schön, wenn ich den Bericht bald mit Informationen und Bildern von ihm ergänzen könnte :-) WB

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